Cuarteto Rotterdam - Deleitante
Mit ihrer neuen CD macht die niederländisch-deutsche Formation da weiter, wo sie bei ihrer Debut-Einspielung aufgehört hat. Ein Teil der ausgewählten Titel und Interpretationen zielt deutlich in Richtung Milonga, der andere Teil in Richtung Konzertsaal. An Stelle von Frances Dorling steht jetzt Tino Scholz am Kontrabass und der Anteil des Bandoneóns am musikalischen Geschehen ist größer geworden. Michael Dolak nimmt sich mit seiner Fueye deutlich mehr Raum als auf der Yunta de Oro-CD, ein Zeichen für gewachsene künstlerische Souveränität. Ansonsten ist es einmal mehr faszinierend zu hören, was das Ensemble klanglich und interpretatorisch aus seiner begrenzten Quartett-Besetzung herausholt.
Die Arrangements der einzelnen Stücke wirken, bis auf die der reinen Tanz-Nummern, ausgesprochen farbig und abwechslungsreich. Dieser Eindruck von Fülle, Farbigkeit und stilistischer Bandbreite hat, neben der Bearbeitungskompetenz des Ensembles, einen Grund. Auch für diese CD-Einspielung ist das 'Cuarteto Rotterdam' wieder auf Entdeckungsreise gegangen. So erklingen hier, neben Letteras munterem Deleitante als Titelgeber, Stücke von Wim Warman, Andrés Linetzky und eine sehr geschmackvolle Bearbeitung von Coco Nelegattis Enanin. Titel, die bisher kaum oder noch nicht eingespielt wurden bzw. solche, die sich in einem neuen Klanggewand präsentieren.
Auch Astor Piazzolla ist mit vier Stücken vertreten, dem bekannten Verano Porteño und Celos, aber auch mit zwei anderen Stücken, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Die Suite Piazzolla entpuppt sich beim Hören als eine Art Potpourri aus verschiedenen Themen des Meisters, von Dolak mit einem sehr schönen, gefühlvollen Bandoneón-Solo eingeleitet. Das langsame Romance del Diablo, musikalisch reich aber bittersüß in seiner Stimmung, entfaltet sich als verhangene Milonga campera.
Der Rest der Titel besteht aus Tango-Klassikern, die bis auf La Cumparsita für die Piste arrangiert wurden. Dazu gehören Este es el Rey, das mindestens so knackig wie bei D'Arienzo klingt und – ganz im Di Sarli-Stil – Organito de la Tarde. Hinzu kommen mit Plazas Payadora und Federicos Al Galope zwei gut tanzbare Milongas und zwei ebenfalls tanzbare Valses.
Bei so viel Fülle und so vielen Kontrasten erschließt sich nicht jedes Stück gleich beim ersten Hören. Erst nach und nach treten viele Ideen und Feinheiten in den Arrangements und Interpretationen akustisch zutage. Die Musik scheint sich gar nicht abzunutzen sondern eher zu wachsen. Und das kann man von nicht allzu vielen Tango-Einspielungen sagen.
Jürgen Bieler
Tangodanza, Nr. 1 2010
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