Das Cuarteto Rotterdam

Erfrischend kompetent

von Jürgen Bieler

Das profunde Wissen um Tangomusik und die Art, wie sie gespielt werden muss, hört man den Musikern dieses Cuartetos sofort an. Sie verfügen über Erfahrungen, Kenntnisse und einen Sound, den sich andere erst jahrelang erarbeiten müssen. Dabei kommt das Ensemble gar nicht aus Argentinien - das 'Cuarteto Rotterdam' ist vielmehr so etwas wie ein erfolgreicher 'Offspring' der Tango-Akademie in, klar, Rotterdam. Und es ist ein Ensemble, das den Tango hierzulande mit einer interessanten Klangfarbe bereichert.

Begonnen hat die Geschichte der Gruppe tatsächlich in der holländischen Hafenstadt. Dort lernten sich Michael Dolak (Bandoneón) und Susanne Cordula Welsch (Violine) während ihres Studiums an der Tango-Akademie kennen. Die Entscheidung, ein eigenes Tango-Ensemble zu gründen, fiel 2004. Seitdem sitzt Judy Ruks am Klavier, den Kontrabass bediente bis vor kurzem Frances Dorling, seitdem ist Tino Scholz für die tiefen Töne verantwortlich. Die Gruppe lebt und arbeitet mittlerweile in Berlin.
Alle Mitglieder haben ein musikalisches Vorleben, das sich jenseits des Tango abspielte. Cordula Welsch bekam mit sechs Jahren ihre erste Geige und erhielt eine klassisch orientierte Ausbildung. Mit Tango beschäftigt sie sich seit Mitte der 90er Jahre. Michael Dolak spielte 17 Jahre lang Akkordeon bevor er sich entschied, Bandoneón zu lernen und sich ganz dem Tango zu widmen. Judy Ruks absolvierte ein Klavierstudium an der Hochschule der Künste in Arnheim. Und Tino Scholz studierte Kontrabass an verschiedenen Einrichtungen und hat heute einen entsprechenden Lehrauftrag an der HfM Dresden. Bekannt wurde er als Bassist des 'Sexteto Andorinha'.

Pugliese & Co. als Unterrichtsfach

Dass alle exzellent Tango interpretieren können, das liegt an ihrem Talent und am Ausbildungssystem der Rotterdamer Akademie. Diese heißt eigentlich Academy For World Music und ist in den Verbund der künstlerischen Hochschulen Rotterdams integriert. Die Tango-Abteilung wurde noch mit dem Segen Osvaldo Puglieses aus der Taufe gehoben, heute leitet sie Gustavo Beytelmann. Auf dem Programm stehen Einzelunterricht, Mitwirkung im Ausbildungs-Orchester 'OTRA' oder in der Gitarrenformation und Kurse in Transkription und Arrangement. Veranstaltungen zur Geschichte des Tango, zu Stilistik, Improvisation und zur Vermittlung dieser Musik runden das Lehrangebot ab. Den Unterricht erteilen entweder argentinische Künstler, unter anderem auch Coco Nelegatti, oder prominente Mitglieder der holländischen Tango-Formationen. Nach vier Jahren winkt ein BA-Abschluss, wer auch noch 'Master' werden will kann zwei Jahre dranhängen. Diese Zusatz-Ausbildung findet dann aber an der Escuela de Tango in Buenos Aires statt. Die Ausbildung in Rotterdam ist als Aufbau-Studium konzipiert, um Altersbeschränkungen zu vermeiden.

Repertoire mit Variationen

Dieser Hintergrund erklärt bis zu einem gewissen Grad die stilistische Bandbreite und die Farbigkeit ihrer Musik - wer mit den Feinheiten und Unterschieden vertraut ist, kann sie nutzen. Aber das ist nicht alles. Die Gruppe hat durchgängig zwei Programme im Repertoire: eines für die Milongas, das andere für die reinen Konzerte. Mit seiner Vorliebe für Tanzveranstaltungen unterscheidet sich das 'Cuarteto Rotterdam' durchaus von der einen oder anderen Kollegen-Formation. Hier mag man einfach die Stimmung auf Milongas und Festivals, die Arbeit der Veranstalter für 'ihre' Tänzer und die Möglichkeit, dort gelegentlich auch einmal musikalisch 'abrocken' zu können.
Dabei hat die deutsch-niederländische Gruppe einen Vorteil auf ihrer Seite. Das Ensemble schafft es einfach, wenn nötig erstaunlich flächig und kompakt zu klingen. Der für eine Quartett-Besetzung gelegentlich fast schon üppige Sound kommt vor allem den Interpretationen der alten Orchester-Klassiker von Pugliese, Troilo oder Di Sarli zugute. Ein schönes Beispiel dafür ist die Einspielung von Di Sarlis Bahia Blanca auf ihrer Yunta de Oro-CD. Tanzbar, im alten Stil belassen aber klanglich modern arrangiert - das muss man in kleiner Besetzung erst einmal können.
Ganz anders sieht die Einstellung des Ensembles im Hinblick auf neue Kompositionen aus. Bisher hat das 'Cuarteto Rotterdam' darauf verzichtet, selbst eigene Tangos zu komponieren. Dafür ist gerade Michael Dolak ständig auf der Suche nach neueren Tangos, die zur Spielweise der Gruppe passen könnten. Über Kontakte nach Buenos Aires stieß man dabei auf Stücke von Eduardo Lettera. Zwei seiner Kompositionen finden sich auf der Yunta de Oro-CD, und gerade das ansteckend-muntere Divertida, eine Milonga, ist eine echte Bereicherung des gängigen Tango-Repertoires.

Perspektiven

Auch wenn der Tango quer durch Europa seine Fans hat, ist es für ein nicht-argentinisches Ensemble gar nicht so einfach, im Konzertleben Fuß zu fassen. Sich hier zu etablieren, braucht seine Zeit. Das 'Cuarteto Rotterdam' würde gern noch mehr Konzerte geben, ruhig auch außerhalb Europas, daran wird - per Selbst-Management - konsequent gearbeitet. Auch die Mitwirkung in Tango-Shows bzw. -Produktionen kann sich die Gruppe gut vorstellen. Eine neue CD ist ebenfalls in Arbeit, sie soll im September erscheinen. Die Produktion vereinigt wiederum Stücke aus Milonga- und Konzertprogramm sowie einiges von Eduardo Lettera, dokumentiert aber auch die musikalische Weiterentwicklung des Ensembles. Bleibt zu wünschen, dass die neue CD noch mehr interessierte Hörer findet als die erste.

Tangodanza, Nr. 3 2009

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