Dem Tango auf der Spur „Cuarteto Rotterdam“ im Kulturforum Lüneburg Seine Wiege befindet sich am Rio de la Plata. Experten streiten über die genaue geografische Lage. Montevideo behaupten einige, weit mehr wähnen den Geburtsort in Buenos Aires, konkret im Stadtteil Bocca. Einst gingen in den schummerigen Spelunken am alten Hafen die Lichter aus. Heute zieht es die Fans zu der lärmenden Avenida Corrientes mit ihren Theatern und Tanzlokalen. Der Tango entwickelte sich zum Export-Schlager. Das „Cuarteto Rotterdam“ widmet sich den Klängen mit Hingabe und akademischem Impetus. Im Kulturforum Gut Wienebüttel gestaltete die erstklassige Formation die jüngste Sommernachtsmusik. Seit acht Jahrzehnten hat der Tango nun schon interkontinatal Konjunktur, erlebt immer neue Aufschwünge, findet sich als Musical-Song wieder, sogar in zeitgenössischen Opern, fand in der Operette gleich dutzendweise Einzug und lieferte diversen Komponisten des deutschen Nachkriegsschlagers hitverdächtige Inspirationen. Derart seicht wie im Fahrwasser der leichten Muse mögen es echte Tango-Enthusiasten natürlich nicht. Für sie ist die Kultur-Schöpfung zuerst Leben, und zwar in allen Facetten. Tango, das sind Geschichten von Liebe und Sehnsüchten, dem Fiasko und entflammter Begeisterung. Das Spektrum reicht vom Orchester bis zur kleinen Form, es gibt Walzer und Milonga, viel Traditionelles und Avantgarde mit starkem Rock-Bezug, dazu den Nuevo und die Abgründe des Tango Negro. Musik, die oft an Abgründe führt, ungeschminkte Erzählungen mit brodelnden Emotionen, mal poetisch, selten sanft, oft wild, ungezügelt. Tango wird instrumental präsentiert, gesungen, mit besonderer Leidenschaft getanzt. In Wienebüttel übernahmen Gerrit Schüler und Gustavo Vidal den Tanz-Part mit wunderbar akkuraten Schrittfolgen, komplexen Figuren und raffinierten Drehungen. Authentizität stand bei ihnen im Zentrum. Das gilt auch für das „Cuarteto Rotterdam“. Judy Ruks (Klavier), Cordula Welsch (Violine), Frances Dorling (Kontrabass) und Michael Dolak (Bandoneon) lieben es rauh, aufgekratzt, energisch zwar, und doch ein wenig spröde, kraftvoll und manchmal mit Anflügen von Ironie. Sie spielen die Werke ohne Pathos oder überflüssige Effekte, eher puristisch. Das Quartett hält sich ausschließlich im Bereich des argentinischen Tangos klassischer Prägung auf. Das betrifft ebenfalls die neueren Kompositionen. Zum Repertoire zählt reichlich Unbekanntes, selbstverständlich Piazzolla und die Größen aus vergangenen Tagen. Die Interpreten variieren hervorragend Tempo und Dynamik, geben den jeweiligen Charakteren markante Profile. Die Gäste erwiesen sich als kompetente Anwälte des Tangos, garantierten mitreissende Vorträge, die das Publikum mit viel Applaus bedachte. Landeszeitung Lüneburg, 21.07.2008 |